Nähkästchen
Torkelflug Ich erinnere mich: Sudan, 29. Januar 1963. Mein erster Photoflug. Ich habe in Khartoum eine Cessna 172 mit einem schwedischen Piloten gemietet. Ich will die Tempel, Pyramiden und Festungen des antiken Nubien vom vierten bis zum zweiten Nilkatarakt oberhalb Wadi Halfas dokumentieren. Nahe dem dritten Katarakt, bei Soleb, untersucht und restauriert eine Expedition unter Michela Schiff Georgini das große Heiligtum von Pharao Amenophis III. Frau Schiff Georgini hat ihre Verdienste als Archäologin, als Gastgeberin in ihrem Wüstencamp ist sie unübertroffen. Ein Martini ohne Olive, undenkbar. Auf den ersten Flugzeugführer, der bei ihrem Camp aufsetzt, wartet im Kühlschrank eine Flasche Whisky. Wie wir uns Soleb nähern, erzähle ich – unvorsichtigerweise – meinem Piloten von dieser Oase des Komforts und dem für die erste Landung ausgesetzten Preis. Er ist nicht mehr zu halten. Mit Bettlaken zeigen ihm die Archäologen bei der Landung auf der Holperpiste die Windrichtung an. Aber Kühlschrank und Flasche findet der Durstige ohne weitere Unterstützung. Wir werden gefeiert wie Charles Lindbergh nach der Atlantiküberquerung; die Bewohner umliegender Dörfer strömen zusammen, ein Kleinflugzeug sehen sie zum ersten Mal. Mit einer Stunde Verspätung hebt die Cessna, längst überfällig, wieder ab und torkelt, ich kann es nicht anders sagen, die letzten zweihundert Kilometer ins Ziel. In Wadi Halfa behändigt die Polizei den Piloten im Suff und sein Flugzeug. Achtung: Piranhas Ich erinnere mich: Bei Manáus, 3. März 1979. Wir fliegen in einer mit Schwimmern ausgerüsteten Cessna 182 über dem grünen Meer Amazoniens. Ich habe am Vortag für eine Anzeigenkampagne der Air France den Zusammenfluss des Rio Negro mit dem Amazonas photographiert. Jetzt sind wir – neben mir der Pilot, eine kanadischer Missionar; auf dem Rücksitz ein französisches Ehepaar, Marc und Chloé – auf einer ethno-archäologischen Flugerkundung über den Wohngebieten der Waimairi- und Akroairi-Indianer. Da sich die brasilianische Regierung bei ihrer Indianderpolitik nicht gerne in die Karten schauen lässt, und schon gar nicht von oben, hat es der Missionar-Pilot vorgezogen, den Flug nicht anzumelden und sich unter dem Radar des Flughafens von Manáus davonzuschleichen. Wir sind ganz allein auf uns gestellt, niemand weiss, wo wir sind. Plötzlich klopft mir Marc auf die Schultern. Ich möge dem Piloten auf englisch mitteilen, dass Chloé muss. Dringend. „Chloé must pee“. Der Gottesmann am Steuer nimmt es gelassen, sucht sich einen stimmungsvollen Nebenfluss aus, wassert und bringt das Flugzeug auf einer Sandbank zum Stehen. Er löst die Angelrute aus der Halterung, er will von dem ungeplanten Boxenstop profitieren. Diskret kehren wir Männer Chloé und dem Flugzeug den Rücken. Chloé tut, was sie tun muss, aber leider tut das Flugzeug während dieser Zeit, was es keinesfalls darf. Es löst sich von der Sandbank und driftet langsam in den Fluss hinaus. Gestrandet auf einer Sandbank inmitten eines Flusses, der sicher von gefrässigen Piranhas nur so wimmelt, ohne Verbindungsmöglichkeit zur Aussenwelt und von dieser auch nicht vermisst – unsere Lage könnte ungemütlicher nicht sein. Doch behält unser Fischer-Pilot einen klaren Kopf. Mit gezieltem Wurf angelt er das entgleitende Flugzeug und holt seinen Fang behutsam, unendlich behutsam ein. Nie vorher habe ich mir über die Reissfestigkeit von Angelleinen so viele Gedanken gemacht. Ehre dem Alter Ich erinnere mich: Nanjing, Mitte Juni 1987. Ich soll für einen australischen Verleger in Zusammenarbeit mit einem chinesischen Staatsverlag China von oben photographieren. Ich bin auf Fluggerät angewiesen, das mir die Streitkräfte zur Verfügung stellen, Mietflugzeuge und Chartermaschinen gibt es im Reich der Mitte nicht. Auf einem Militärflugplatz bei Nanjing werde ich erstmals des Apparates ansichtig, den mir die chinesische Luftwaffe für meine Arbeit zugedacht hat. Die Antonow AN-2 ist ein sowjetisches Flugzeug der vierziger Jahre, das in China nachgebaut wird. Der Doppeldecker mit Sternmotor, der grösste einmotorige Doppeldecker in der Geschichte des Flugzeugbaus, sieht akkurat aus wie ein monumentales Sprühflugzeug; fraglos ist er ein Oldtimer. Was Wunder, wenn mein Herz sinkt und meine Stimme sich hebt. „Dieses Ding muss dreissig Jahre alt sein.“ „Nein, nein“, beruhigen mich meine Begleiter. „Mehr...älter.“ In ihrer Antwort schwingt der chinesische Respekt für hohes Alter mit. Es gewährleistet anscheinend selbst bei Flugzeugen erhöhte Zuverlässigkeit. Auch sonst tue ich mich mit dem Veteranen AN-2 schwer. Die Vorstellungen der Militärs von Sicherheit sind eher lax. Sie erwarten von mir, dass ich während des Flugs im Rahmen der geöffneten Tür stehe, leicht vornüber gebeugt, um überhaupt hinaussehen zu können – und das ohne ausreichende Sicherung durch ein Gurtwerk. Mir fällt plötzlich ein Passus meines Vertrages ein: „das Leben muss stets der bestmöglichen Photographie untergeordnet bleiben.“ Eigentlich habe ich bis jetzt angenommen, dass erst die Übersetzung die wohlmeinende Sorge des chinesischen Originals um Leib und Leben des Photographen in ominöse Unbekümmertheit verkehrt hat. Trotzdem riskiere ich einen kurzen Stehflug über das Mausoleum des Sun Yat-sen. Heil zurück, bestehe ich aber für kommende Flüge auf einer Sitzgelegenheit. Mein Wunsch ist meinen Begleitern Befehl. Den zweiten Flug absolviere ich tatsächlich sitzend – in der gähnend offenen Tür auf einem Kindergartenhocker. Der ist mehr schlecht als recht verankert, und in der mir aufgezwungenen fötalen Haltung sehe ich kaum über meine Knie hinweg. Also äussere ich nach der Landung meinen dringenden Wunsch nach einer massiveren, gediegeneren, widerstandsfähigeren, nach einer einladenden, komfortablen, unverkrampftem Sitzen förderlichen Erwachsenen-Bestuhlung. Mein Übersetzer, nie um eine blumige Verdeutlichung verlegen, leistet offenbar bei der Übermittlung meines Forderungskatalogs ganze (Polster-)Arbeit. Beim nächsten Ausflug wartet meiner in der klaffenden Tür statt des Kinderstühlchens ein feudaler, formidabler Klubsessel – eine in der Geschichte der Luftfahrt wohl einmalige Lösung. Ich weigere mich freilich, deren Pionier zu werden; der schwere Sessel ist so schlecht gezurrt, dass bei einer jähen Änderung der Fluglage er mitsamt seinem Insassen ins Leere rutschten würde. Meine Auftraggeber hatten zuletzt ein Einsehen und stellten mir Grosshubschrauber zur Verfügung. Der Fauteuil flog also nicht. Aber Turbulenzen sind der Stoff meiner Alpträume. Und da kommt der Klubsessel aus dem chinesischen Offizierskasino abwechselnd mit einigen Jeroboam-Weinflaschen aus dem Burgund vor. ...aber darüber ein anderes Mal. (aus der Einleitung zu dem Buch Flug in die Vergangenheit: „Aus dem Nähkästchen eines Flugphotographen“ © GG Switzerland.)
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